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Sicherheitskonferenz: Hannah Arendt stellt Problemlösung durch Big-Data vor

Hannah Arendts Beitrag:
"Die totale Herrschaft hat die Begriffe von Verbrechen und Auszeichnung, von Schuld und Unschuld nicht, wie die uns bekannten Diktaturen oder Despotien, nach ihr genehmen Richtlinien »revolutioniert« - sie hat sie einfach abgeschafft und an ihre Stelle den in seiner ganzen Furchtbarkeit noch kaum geahnten neuen Begriff der »Unerwünschten« und »Lebensuntauglichen« gesetzt. Nur Verbrecher kann man bestrafen, Unerwünschte oder Lebensuntaugliche lässt man von der Erdoberfläche verschwinden, als hätte es sie nie gegeben; mit ihnen will man noch nicht einmal ein Exempel statuieren. Die einzige Spur, die sie hinterlassen, ist die Erinnerung derer, die sie kannten, liebten und zu deren Welt sie gehörten. Daher gehört es zu den vornehmsten und schwierigsten Aufgaben der totalitären Polizei, auch diese Spur mit den Toten zugleich auszulöschen.

Es heisst, dass die zaristische Geheimpolizei, die Ochrana, ein besonderes Registrierverfahren erfunden hatte, wonach jeder in Rußland Verdächtige auf einer Riesenwandkarte durch einen roten Kreis, in dessen Mitte sein Name stand, vermerkt wurde. Kleinere rote Kreise, mit dem Kreis des Hauptverdächtigen verbunden, kennzeichneten seine politischen, grüne Kreise seine nichtpolitischen Bekannten und braune Kreise diejenigen Personen, die mit Freunden des Verdächtigten wiederum irgendeinen Kontakt hatten, ohne ihn persönlich zu kennen (Quelle: Maurice Laporte, "Histoire de l'Okhrana", Paris, 1935).

Offensichtlich hat diese Methode, die gesamte Bevölkerung so zu katalogisieren, dass man nicht nur sie selbst, sondern auch die Erinnerung an sie absolut beherrscht, ihre Grenzen nur an der Größe der Wandkarte. Theoretisch wäre es durchaus denkbar, dass eine einzige solche Karte in riesenhaften Ausmaßen die Beziehungen und Querverbindungen der Bevölkerung eines ganzen Territoriums enthält. Und genau dies entspricht dem Wunschtraum totalitärer Polizei. Sie hat den alten Traum der Polizei, dem noch der Lügendetektor dient, aufgegeben und versucht nicht mehr festzustellen, wer oder was einer ist und welche Gedanken in seinem Kopfe leben ( >>Exkurs zum Lügendetektor<<)

Dieser Traum war furchtbar genug und hat seit eh und je zur Tortur und zu den furchtbarsten Grausamkeiten geführt; er hatte nur eines für sich: er träumte etwas Unmögliches. Der moderne Traum der technisierten Polizei unter totalitären Bedingungen ist ungleich furchtbarer; sie träumt davon, mit einem Blick auf die Riesenkarte an der Bürowand ausfindig machen zu können, wer zu wem Beziehungen hat; und dieser Traum ist grundsätzlich nicht unerfüllbar, er ist nur etwas schwierig in seiner technischen Ausführbarkeit. Gäbe es diese Wandkarte wirklich, so stände nicht einmal mehr das Gedächtnis den totalitären Herrschaftsansprüchen im Wege; die Wandkarte könnte es ermöglichen, Menschen wirklich spurlos verschwinden zu lassen, so als hätte es sie nie gegeben."

(Hannah Arendt, "Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft", Ungekürzte Taschenbuchausgabe 1986, Seite 898 f, zuerst 1951 in New York erschienen, in deutscher Übersetzung 1955)